Grundlagen der systemischen Beratung

Die systemische Beratung hat sich Mitte des letzten Jahrhunderts aus der Familientherapie entwickelt. Diese hat keine einzelne Gründerin oder einzelnen Gründer. Sie hat sich an verschiedenen Orten in verschiedenen ‚Schulen‘ entwickelt, wobei eines der wesentlichen Zentren in Palo Alto war (siehe von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 32).

Die Anfänge der Familientherapie waren sehr ursachenorientiert, die sich daraus entwickelnde systemische Beratung und Therapie ist sehr durch ihre ‚Lösungsorientiertheit‘ geprägt. Es geht also weniger um die Ursache oder das Problem, sondern vielmehr darum, dass die KlientInnen eine Lösung entwickeln. Es hat sich auch ein systemisches Verständnis von ‚Problem‘ entwickelt (siehe von Schlippe & Schweitzer, 2010, S. 29). (von Schlippe & Schweitzer, Systemische Interventionen, 2010)

In früheren, vor allem tiefenpsychologischen Ansätzen wurde vorwiegend ein/eine KlientIn ‚behandelt‘ – revolutionär war nicht mehr eine Person zu therapieren oder zu beraten, sondern ein ganzes System! Wobei man unter einem System im Beratungskontext mehr als eine Person betrachtet.

Als System bezeichnen wir eine beliebige Gruppe von Elementen, die durch Beziehungen miteinander verbunden und durch eine Grenze von ihren Umwelten abgrenzbar sind. Solche Systeme finden wir quasi überall – von Fröschen im Tümpel über Axonen und Dendriten in einem Nervensystem und den Kommunikationen zwischen Eltern und Kindern in einer Familie bis zu den Verschaltungen in einem Computer […] Erst ein systemischer Blick einer Beobachterin lässt ein System entstehen. Denn erst diese entscheidet, welche Elemente, welche Beziehungen und welche Grenzen sie diesem System zuordnen will. Deshalb ist >>systemisch<< ein erkenntnistheoretischer Begriff (>>Was kann ich erkennen?<<) (von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 31).

Um nicht eine Person des Systems zu benachteiligen mussten besondere Fertigkeiten entwickelt werden. Im Wesentlichen versuchen die BeraterInnen dabei allparteilich und neutral zu sein. Die Allparteilichkeit meint jeder/jede TeilnehmerIn im System hat recht und wird wertgeschätzt – es wird zu allen TeilnehmerInnen des Systems eine Beziehung aufgebaut und alle fühlen sich ‚verstanden‘.

Wer mit mehr als nur einem Patienten oder Klienten arbeitet, läuft immer Gefahr, zwischen die Fronten von Konfliktparteien zu geraten. […] Als Allparteilichkeit wird eine Haltung des Therapeuten bezeichnet, bei der er sich mit jedem Familienmitglied verbündet. Wo es um Konflikte geht, ist dies allerdings ein hoher Anspruch, zumal der Therapeut sich dabei sehr widersprüchlichen Forderungen ausgesetzt sehen kann (Simon & Rech-Simon, 2015, S. 26).

Die wichtigste Grundlage hierfür sind die Erkenntnisse des Konstruktivismus (siehe von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 120). Zentrale Denker des Konstruktivismus waren Heinz von Förster (1911-2002) und Ernst von Glasersfeld (1917-2010).

Diese philosophische Denkrichtung geht davon aus, dass ein Gegenstand erst vom Beobachter selbst durch den Vorgang des Erkennens konstruiert wird. […] Verlässliches Wissen kann es daher nicht geben, da die Wahrheit jeder gewonnenen Erkenntnis, auch die wissenschaftlichen Befunde, immer wieder durch einen Beobachter bestätigt werden muss (von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 121).

Daraus lässt sich folgern, dass es keine absolute Wahrheit, also richtig oder falsch geben kann. Im sozialen Konstruktivismus wird im Speziellen betont, dass die Erzeugung der Wirklichkeit auch ein sozialer Prozess ist. Jedes Individuum hat unterschiedliche Vorerfahrungen und Wertungen, geprägt durch sein soziales Umfeld, und erzeugt daraus seine persönliche Wirklichkeit.

Einen besonderen Schub bekam die systemische Beratung durch die Mailänder Schule. Diese war die Überleitung von der Kybernetik erster Ordnung zur Kybernetik zweiter Ordnung. In der Kybernetik erster Ordnung wurde wohl schon das ‚Problemsystem‘ als solches betrachtet – die BeobachterInnen oder BeraterInnen waren aber nicht Teil der Systeme und die Haltung war direktiv.

Eine der Kernaussagen der Kybernetik zweiter Ordnung ist, dass jeder/jede BeobachterIn das System alleine durch seine/ihre Anwesenheit ‚beeinflusst‘. Ja sogar schon davor, beim Beschluss einen/eine BeraterIn aufzusuchen gibt es bereits Veränderungen im System. „Der Berater steht innerhalb des Systems“ (Möller-Brix, 2014, S. 10).

Wobei BeraterInnen sich mit Methoden, wie ‚Spielbein Standbein‘, mit der Situation empathisch verbinden oder herausnehmen können.

Durch die Kybernetik zweiter Ordnung wurde es auch möglich ‚systemisch‘ mit Einzelpersonen zu arbeiten.

Eine weitere wichtige Säule der systemischen Beratung ist die Autopoiese, welche im Wesentlichen besagt, dass lebende Systeme selbstorganisiert sind, und sich nicht direktiv beeinflussen lassen. Lebende Systeme folgen nichttrivialen Funktionen – ‚Erleben‘ ist von der jeweiligen Stimmung und Vorerfahrung eines Lebewesens abhängig.

Aus diesem Grund ist es wichtig, dass BeraterInnen nicht direktiv vorgehen. Die Lösung wird also von den KlientInnen gefunden, und nicht von den BeraterInnen vorgegeben. Den KlientInnen wird zugetraut, dass die Lösung bereits in Ihnen steckt – diese wird durch Förderung der Ressourcen ‚nur‘ zum Vorschein gebracht (siehe Kindl-Bleifuß, 2015, S. 160).

Ein wichtiger Faktor ist eine Beziehung zu den KlientInnen aufzubauen um deren Vertrauen zu gewinnen – auf Basis dieser können Dinge gesagt werden welche sonst möglicherweise zu Verärgerung oder Verstörung führen würden (siehe Möller-Brix, 2014, S. 17).

Die systemische Beratung versteht sich als Kurzzeitberatung, in deren Rahmen mit Hilfe vieler Methoden versucht wird, das Beste aus allen Richtungen der Therapie und Beratung zu vereinen. Daraus entsteht eine sehr große Vielzahl an Interventions-möglichkeiten.

Verschiedene Ansätze der systemischen Beratung

Im Laufe der Zeit haben sich unterschiedliche Ansätze wie zum Beispiel der Strukturelle Ansatz, der Strategische Ansatz, das Mailändermodell, der Narrative Ansatz, der Hypnosystemische Ansatz, der Wachstumsorientierte Ansatz und der Lösungsorientierte Ansatz ausgeprägt. Letzteren wollen wir im Folgenden detaillierter beleuchten:

Lösungsorientierter Ansatz nach Steve de Shazer und Insoo Kim Berg

Eine der Besonderheiten dieses Ansatzes ist, dass es nicht wie zum Beispiel in der Tiefenpsychologie um die Vergangenheit geht, sondern um die Zukunft – die Lösung und den Weg zur Lösung. So ist die Frage nach einer Veränderung zwischen Terminvereinbarung zum Erstgespräch und dem Erstgespräch typisch, und es lassen sich für die KlientInnen oft bereits Veränderungen erkennen.

Dabei sollte immer darauf geachtet werden kleine und messbare Einheiten des Weges zu beschreiten. Große Ziele können leicht zur Frustration führen, da die Veränderung nicht sichtbar oder messbar ist. Es geht darum jede kleine positive Veränderung oder Ausnahme bewusst zu machen und diese zu verstärken. Ein Mittel kleine Fortschritte sichtbar zu machen sind Skalierungsfragen. Dabei werden die KlientInnen gebeten auf einer Skala von 1 bis 10, wobei 1 den schlechtest vorstellbaren Zustand beschreibt und 10 den Zustand in dem das Problem nicht mehr existent ist, den aktuellen Zustand einzuschätzen. Dies kann im Laufe der Sitzung wiederholt werden, sodass eine Veränderung sichtbar wird. Skalierungsfragen dienen dabei nicht nur der Messung der eigenen Wahrnehmung der Klientin oder des Klienten, sondern auch zur Ermutigung, weil die Fortschritte in Richtung Ziel auch für die Klientin oder den Klienten sichtbar gemacht werden.

Mittels Fragetechniken werden Ressourcen zum Vorschein gebracht. Dabei ist die besondere Kunst interessiert aber nicht ‚zu neugierig‘ zu fragen. Die Fragen zielen dabei darauf ab eine Veränderung bei den KlientInnen zu bewirken. Es ist dabei wichtig mit seinen Fragen keine Wertungen zu implizieren, sozusagen mit der Unschuld eines Kindes Fragen zu stellen.

Fragen sind ein zentrales Element systemischen Intervenierens. Ein genauerer Blick auf die auf die scheinbar harmlose Methode des Fragens zeigt, dass es sich um eine Form der Intervention handelt, die nicht unterschätzt werden sollte. Entsprechend dem kommunikationstheoretischen Axiom, dass man >>nicht nicht kommunizieren<< kann (Watzlawick et al. 1969), ist es unmöglich Fragen zu stellen, ohne damit zugleich bei den befragten Personen eigene Ideen anzustoßen (von Schlippe & Schweitzer, 2010, S. 40).

Da wir nicht von einem Ursache-Wirkungssystem ausgehen, sind systemische Fragen meist zirkulär – es geht um Wechselwirkungen. Als Zirkularität bezeichnet man die Fähigkeit der Beraterin oder des Beraters, sich durch die Antworten der KlientInnen in der Befragung leiten zu lassen – also nicht starr an einer Hypothese festzuhalten.

Zirkuläre Fragen können erfolgreich eingesetzt werden, um zirkuläre Prozesse in Beziehungen aufzudecken und starre Kommunikations- wie auch Interaktionsmuster, welche Konflikte in einem System verursachen, durch eine gezielte Einnahme von unterschiedlichen Positionen und Perspektivenwechseln zu verflüssigen. Die BeraterInnen ermöglichen den Beteiligten durch die zirkuläre Fragetechnik sich in andere Positionen zu versetzen, und sich dabei auf einen Perspektivenwechsel innerhalb des Systems einzulassen. Zirkuläre Fragen provozieren ein Mutmaßen im Beisein der Anderen, denn die Beteiligten werden angeregt, ihre Vermutungen über Wünsche, Beziehungen, Meinungen und Bedürfnisse Anderer zu äußern. Dadurch werden neue Denkprozesse und Veränderungen ermöglicht. Unter Zuhilfenahme von zirkulären Fragen können auch Tiere oder nicht anwesende Personen in den Kontext geholt werden: ‚Was würde der Hund sagen, warum er froh ist Sie als Herrchen zu haben?‘ ist ein oft zitiertes Beispiel von Steve de Shazer.

Dabei ist es wesentlich sich möglichst früh einer möglichen Lösung zuzuwenden, um eine Problemfokussierung der KlientInnen zu vermeiden.

Eine weitere wichtige Fragetechnik im lösungsorientierten Ansatz ist die sogenannte Wunderfrage. Es geht dabei darum, dass die KlientInnen ihren Vorstellungshorizont in Richtung möglicher Problemlösungen erweitern.

Seit ihrer Erfindung ist die Wunder-Frage auf der ganzen Welt viele tausend Mal gestellt worden. Dabei haben PraktikerInnen mit Variationen dieser Frage experimentiert, und sie auf diese Weise weiter verfeinert. Am besten stellt man die Frage überlegt und dramatisch. […] So gestellt, verlangt die Wunder-Frage von der KlientIn, über ihren Schatten zu springen, Vertrauen zu fassen und sich vorzustellen, wie ihr Leben sich verändert haben wird, wenn das Problem gelöst ist (De Jong & Kim Berg, 2014, S. 157).

Um in der Beratung möglichst effektiv zu sein erweisen sich gewisse Grundhaltungen als zielführend:

Systemische Grundhaltungen

Ziel ist es dabei immer den Möglichkeitsraum der KlientInnen zu erweitern!

Die wichtigste Grundhaltung speziell in einem systemischen Setting mit mehr als einer Person ist die bereits beschriebene Allparteilichkeit und Neutralität. Die Neutralität bezieht sich dabei auch auf die Veränderung, das Konstrukt, die eingesetzten Methoden und sich selbst also der Beraterin oder des Beraters gegenüber. Darauf basierend ist die Neugier und das Nicht-Wissen eine Grundhaltung für die systemische Fragetechnik. Im Rahmen der Fragetechnik spielt die bereits beschriebene Zirkularität ebenfalls eine wichtige Rolle.

Eine weitere Grundhaltung ist die Wertschätzung! Basierend auf den Erkenntnissen des Konstruktivismus wird die jeweilige Realität der Klientin oder des Klienten respektiert und wertgeschätzt.

Eine der wichtigen Grundlagen der systemischen Fragetechnik ist die Hypothesen-bildung. Eine Hypothese ist eine vorläufige Annahme, die durch die entsprechenden Fragen auf ihre Nützlichkeit überprüft wird. Sie darf nicht als Wahrheit in den Raum gestellt werden, da sie sonst als Wahrheit der Beraterin oder des Beraters interpretiert wird.

Ein wichtiger Faktor bei der systemischen Fragetechnik ist das sogenannte Reframing – dabei geht es darum, die positive Seite eines von der Klientin oder dem Klienten eventuell negativ verstandenen Begriffs darzustellen (siehe von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 312).

Das Reframing, auch Umdeutung, ist eine wichtige Grundlage systemischer Praxis – und kommt eher einer Haltung nahe, als dass es sich um eine Intervention handelt (von Schlippe / Schweitzer 1996, S.177f.). […] Es ist also weniger eine Technik als vielmehr eine Form, kontinuierlich eine systemische Weltsicht zu vermitteln (von Schlippe & Schweitzer, 2010, S. 76).

Weitere wichtige Grundhaltungen einer systemischen Beraterin oder eines systemischen Beraters sind möglichst „Ressourcen- und Lösungsorientiert“ wie auch „KundInnen- und Auftragsorientiert“ zu sein, weshalb der Auftragsklärung zu Beginn einer Beratung eine wesentliche Rolle zukommt.

Systemische Setting

Als Setting bezeichnen wir alle Antworten auf die Frage: Wer soll mit wem, in welchem Bedeutungsrahmen, zu welchen Zeiten und an welchen Orten zusammenkommen, um eine gewünschte Veränderung mit möglichst geringem Aufwand zu erreichen? […] Eine Stärke systemischer Praxis ist die Flexibilität im Zuschnitt solcher Settings (von Schlippe & Schweitzer, 2013, S. 349).

Beispiele für systemische Settings sind:

Im Einzelsetting ist nur der/die IndexklientIn – also der/die SymptomträgerIn – und der/die BeraterIn körperlich anwesend, in einem Paarsetting das entsprechende Paar, wobei es dabei im Verlauf des Prozesses sinnvoll sein kann, Einzelsettings durchzuführen. Wobei darauf zu achten ist, dass beide Parteien eine gleiche Anzahl an Einheiten konsumieren. Ein Familiensetting wird mit allen ‚problemrelevanten‘ Personen durchgeführt.

Bei einer systemischen Aufstellung sind die Beteiligten wie auch Statisten anwesend.

Systemische Beratungen werden im Regelfall alle 2 Wochen, nach dem Grundsatz so selten wie möglich, aber so häufig wie nötig abgehalten, wobei wichtig ist, dass das Setting von der Klientin oder dem Klienten als gut empfunden wird.

Resümee

Die systemische Beratung hat eine sehr große Anzahl unterschiedlicher Methoden und Interventionen aus verschiedenen Richtungen und Ansätzen, denen gegenüber die Beraterin oder der Berater neutral ist, und es nur entscheidend ist, welche in dem speziellen Setting auftragsorientiert hilfreich ist, und schnellstmöglich zu einem für die Klientin oder den Klienten zufriedenstellenden Umgang mit dem Problem führt.

 

 

 

 

Literaturverzeichnis

De Jong, P., & Kim Berg, I. (2014). Lösungen (er-)finden. Dortmund: Löer Druck GmbH.
Kindl-Bleifuß, C. (2015). Fragen können wie Küsse schmecken. Heidelberg: Carl-Auer-Systeme Verlag.
Möller-Brix, G. (2014). Systemisch Beraten. Hamburg: Books on Demand.
Simon, F. B., & Rech-Simon, C. (2015). Zirkuläres Fragen. Heidelberg: Carl-Auer.
von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2010). Systemische Interventionen. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht.
von Schlippe, A., & Schweitzer, J. (2013). Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung I. Göttingen: Vandenboeck & Ruprecht.

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